Specialized S-Works Tarmac SL9 im Test – der perfekte Aero-Allrounder?
Das neue Specialized S-Works Tarmac SL9 verspricht weniger Gewicht, bessere Aerodynamik und noch mehr Geschwindigkeit. Pädu hat den Aero-Allrounder ausgiebig getestet und zeigt, wo die neue Generation gegenüber dem SL8 zulegt – und für wen sich das kompromisslose Racebike eignet.

Ein gutes Bike weiterzuentwickeln, ist manchmal schwieriger, als ein komplett neues zu bauen. Genau vor dieser Aufgabe stand Specialized beim Nachfolger des beliebten Tarmac SL8. Das neue S-Works Tarmac SL9 wirkt auf den ersten Blick vertraut, soll jedoch leichter, aerodynamischer und im Rennen noch schneller sein.
Pädu konnte das neue Superbike bereits testen. Nach unzähligen Kilometern und gesammelten Eindrücken ist es an der Zeit für die Frage: Ist das SL9 tatsächlich der perfekte Aero-Allrounder?
Evolution statt Revolution
Optisch bleibt Specialized der bekannten Designsprache des Tarmac treu. Wer nur flüchtig hinschaut, wird das SL9 möglicherweise sogar mit seinem Vorgänger verwechseln. Im Detail hat sich jedoch einiges getan.
Besonders auffällig ist die neue «Win Fin» am Sitzrohr. Auch die Sattelstütze und der Übergang zwischen Gabel und Rahmen wurden aerodynamisch überarbeitet. Letzteres macht neu einen Lenkanschlag notwendig, damit die Gabelkrone bei starkem Einschlagen nicht das Unterrohr berührt.
Der charakteristische «Speed Sniffer» am Steuerrohr ist weiterhin vorhanden, fügt sich nun aber etwas harmonischer ins Gesamtbild ein. Die tief ansetzenden Sitzstreben und die filigranen Formen rund um das Tretlager unterstreichen den sportlichen Charakter des Bikes.
Neu hält zudem der UDH-Standard Einzug: Die maximale Reifenbreite beträgt 32 Millimeter. Specialized bleibt damit konsequent beim Fokus auf niedriges Gewicht und Aerodynamik, statt das Tarmac in Richtung komfortorientiertes Allroad-Bike zu entwickeln.
Aerodynamik aus der Realität
Bei der Entwicklung des SL9 hat Specialized nicht einfach versucht, ein Bike zu bauen, das im Windkanal möglichst beeindruckende Einzelwerte erreicht. Stattdessen wurden reale Renn- und Wetterdaten, Streckenprofile sowie Messungen mit einem beweglichen Ganzkörper-Mannequin kombiniert.
Der Gedanke dahinter: Ein Rennrad fährt nie ohne Fahrerin oder Fahrer. Entsprechend wenig aussagekräftig ist es, nur einen nackten Rahmen oder ein Bike mit einem einfachen Beindummy zu testen. Klingt sinnvoll oder?!
Specialized konzentrierte sich besonders auf kleine seitliche Anströmwinkel von ungefähr sieben Grad. Nach Einschätzung der Entwickler kommen diese in der Realität häufiger vor, als es viele klassische Windmodelle abbilden.
Auch typische Rennsituationen flossen in die Entwicklung ein. So stellte Specialized fest, dass Profis bei entscheidenden Attacken häufig nur noch mit einer Trinkflasche unterwegs sind. Die neue «Win Fin» und weitere Formen rund um das Sitzrohr wurden deshalb gezielt für dieses Szenario optimiert.
Laut Specialized spart das SL9 bei 45 km/h rund vier Watt gegenüber dem SL8. Einzelne Wattzahlen erzählen zwar nie die ganze Geschichte, doch auf langen Strecken oder in einem engen Rennen können kleine Unterschiede entscheidend sein.
Leicht trotz Aero-Fokus
Aerodynamische Rennräder sind nicht immer besonders leicht. Beim SL9 schafft Specialized jedoch eine bemerkenswerte Kombination.
Der Rahmen soll in Grösse 56 und unlackiert lediglich 687 Gramm wiegen. Das Testbike in Grösse 54 bringt ohne Pedale, Flaschenhalter und Computerhalterung 6,58 Kilogramm auf die Waage.
Damit ist das SL9 für ein Aero-Racebike mit einer Felgenhöhe von 50 Millimeter aussergewöhnlich leicht. Beim Beschleunigen und besonders am Berg ist dieser Unterschied sofort spürbar.
Möglich wurde das unter anderem durch neue Simulationsmethoden, mit denen Specialized die Carbonbelegung präziser an die auftretenden Kräfte anpassen konnte. So wird beim SL9 Material wird nur dort eingesetzt, wo es tatsächlich benötigt wird.
Ausstattung ohne Kompromisse
Zum Marktstart ist das Tarmac SL9 ausschliesslich auf S-Works-Niveau erhältlich – wahlweise mit SRAM Red AXS oder Shimano Dura-Ace Di2.
Das Testbike, welches Pädu im Einsatz hatte, war unter anderem ausgestattet mit:
- SRAM Red AXS inklusive Powermeter
- Roval Rapide CLX III Laufrädern mit Carbonspeichen
- Specialized Cotton TLR Reifen in 30 Millimetern
- Roval Rapide Cockpit
- S-Works Power with Mirror Sattel
Die Komponenten bewegen sich durchgehend auf höchstem Niveau. Das einteilige Cockpit liegt gut in der Hand und fällt zeitgemäss schmal aus. Die Laufräder reagieren sehr direkt und tragen mit ihrem niedrigen Gewicht wesentlich zum agilen Fahrverhalten bei.
Auf der Strasse: schnell, direkt und erstaunlich vielseitig
Schon auf den ersten Metern zeigt das SL9, wohin die Reise geht. Das Bike reagiert unmittelbar auf jeden Tritt und beschleunigt leichtfüssig. Egal ob aus dem Stand, bei einem Tempowechsel oder an einem längeren Anstieg: Das geringe Gewicht ist jederzeit spürbar.
Am Berg ist das Tarmac ganz in seinem Element. Die Kombination aus niedrigem Gewicht, sportlicher Sitzposition und hoher Steifigkeit sorgt dafür, dass kaum Energie verloren geht.
Seine vielleicht grösste Stärke zeigt das SL9 jedoch bei hohem Tempo. Auf schnellen Geraden und besonders bei Gegenwind vermittelt es den Eindruck, sehr effizient durch die Luft zu schneiden. Das Bike animiert beinahe permanent dazu, noch einmal anzutreten.
Trotz seiner direkten Auslegung wirkt es dabei nie nervös. So gehört auch das Handling zu den grössten Stärken des Bikes: Das SL9 lenkt willig ein, hält die gewählte Linie sehr präzise und lässt sich auch in enger werdenden Kurven noch gut korrigieren.
Selbst bei Geschwindigkeiten über 60 km/h bleibt es stabil und berechenbar. Das hohe Vorderrad reagiert zwar spürbar auf stärkere Seitenwindböen, brachte Pädu während des Tests aber nie in unangenehme Situationen.
Kurz gesagt: Das SL9 liebt Kurven, Beschleunigungen und hohes Tempo.
Performance über Komfort
Ein komfortorientiertes Langstreckenrad ist das Tarmac SL9 nicht – und möchte es auch nicht sein.
Der Komfort bewegt sich für ein kompromissloses Racebike auf einem guten Niveau, wird aber stark von Reifenbreite und Luftdruck beeinflusst. Die montierten 30-Millimeter-Reifen bieten einen vernünftigen Kompromiss zwischen Geschwindigkeit und Dämpfung.
Wer etwas mehr Ruhe ins Fahrverhalten bringen möchte, kann auf 32 Millimeter breite Reifen wechseln. Mehr lässt der Rahmen allerdings nicht zu.
Pädus Fazit
Specialized hat beim neuen S-Works Tarmac SL9 keine Revolution geschaffen – aber einen bereits sehr starken Vorgänger konsequent verbessert.
Das SL9 ist leicht, aerodynamisch und fahrdynamisch auf höchstem Niveau. Es klettert hervorragend, beschleunigt spontan und überzeugt besonders durch sein präzises, intuitives Handling. Gleichzeitig bleibt es stabil genug für schnelle Abfahrten und lange Renneinsätze.
Der Komfort ist solide, steht aber klar hinter Geschwindigkeit und Performance zurück. Auch die sportliche Sitzposition dürfte nicht zu allen Fahrerinnen und Fahrern passen.
Für ambitionierte Rennvelofahrerinnen und Rennvelofahrer, die ein Bike für schnelle Flachstücke, lange Anstiege und technische Abfahrten suchen, ist das SL9 jedoch ein aussergewöhnlich starkes Gesamtpaket.
Oder anders gesagt: ein echtes Traumbike für alle, die am liebsten überall schnell unterwegs sind.
Bilder: ©Specialized






































